Die Forderung steht im Raum: Digitale Transformation erfordert eine digitale Kultur! Spätestens hier sollte man sich über Ursache und Wirkung, aber auch die Funktion von Technik ein Bild machen. Es gilt jetzt, die Richtung zukünftiger Innovationen und das Selbstverständnis des Zusammenlebens zu justieren. Richtig ist, dass Abläufe zunehmend automatisiert und digitalisiert werden. Noch offen ist, was diese Veränderungen mit den jeweiligen Kulturen unternehmerisch, aber auch gesellschaftlich machen und wie diese darauf reagieren werden bzw. sollten.

Wo stehen wir, was ist neu und was nicht

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Heute leben wir in einer globalen Welt, in der Informationen und Waren innerhalb eines Tages überall verfügbar sind, in der Produktionskapazitäten nur selten Engpässe sind und Drückerkolonnen häufig versuchen, das Warenüberangebot nur noch über den Preis loszuschlagen. Technisch ist heute vieles möglich, was sich Science Fiction Autoren früher nur spasseshalber ausgedacht haben. Auf der Welle der damit verbundenen Veränderungen surfen wir alle begeistert mit. Die digitale Transformation ist allgegenwärtig, ohne aber dass Richtung und Ende absehbar wären. Fünf der 10 wertvollsten Firmen der Welt sind reine Digital-Companies und diese Firmen streben offen die globale Führung an. Einige Kommentatoren sprechen schon von einer neuen Form der Diktatur, die uns bald beherrschen wird. Fakt ist: Mit unserer Zustimmung ist das Smartphone bereits heute die moderne Form der Gestapo.

Auf der anderen Seite ist der Mensch auch nach 100´000 Jahren prinzipiell unverändert: Ein Gehirn auf 2 Beinen, das nach Sicherheit und persönlichem Glück strebt. Zusätzlich sind kulturelle Werte sehr stabil, so z.B. das Schweizer Selbstverständnis der eigenen Unabhängigkeit und gegen eine Fremdsteuerung, aber auch der Wunsch nach stabilen partnerschaftlichen Beziehungen. Auch ist das Gehirn noch immer nur im Release 1.0 mit geringen Varianten verfügbar, was die Gruppe der Personen mit vollem Durchblick über die bestehende, aber auch absehbare Technik immer kleiner werden lässt. Die Bildungsverantwortlichen kämpfen verzweifelt, ihre jeweiligen Schützlinge den Anschluss nicht verlieren zu lassen.

In allen Unternehmen wird offen über die unsichere Zukunft diskutiert. Einst stolze Grosskonzerne und sichere Branchen müssen sich eingestehen, dass sie nicht wissen, ob es sie in 10 Jahren noch geben wird. Energieversorger, Autokonzerne und Banken klammern sich verzweifelt an ihre alten Geschäftsmodelle und suchen nebenbei nach neuen. Eine echte Veränderung wird offensichtlich nur selten betrieben. Never change a winning team. Bis zum bitteren Ende.

Kultur wird nicht digital, sie verändert nur ihre Richtung

Dabei machen es andere mit Leichtigkeit vor, drehen aber grundlegende Gesetzmässigkeiten vollständig um. Statt mit „Push“ wird mit „Pull“ gearbeitet. Statt einer „Null Fehler Kultur“ wird nach dem „Trial and Error“ Prinzip vorgegangen. Statt „starrer Prozesse“ bestimmen „flexible Projekte“ die Grundrichtung. Auf bereits schwache Bedarfssignale der Kunden wird schnell mit kleinen, bewusst unfertigen Testversionen reagiert, die sich während der Anwendung und in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Kunden zu immer besseren Produkten weiterentwickeln. Fertig ist nie. Was nicht vom Kunden honoriert wird, das wird wieder herausgenommen. Amazon, Facebook und Google lassen permanent tausende(!) von Tests bei und mit ihren Kunden laufen, um immer besser deren Bedürfnisse zu verstehen und diesen gerecht zu werden. Überraschenderweise finden die Kunden diese neue Art der Partnerschaft sogar gut und fühlen sich selbst bei Problemen mehr ernst genommen als im klassischen Produkt-Lieferanten-Kunden-Konstrukt.

Statt einfach den Status Quo der Prozesse im Unternehmen zu digitalisieren, muss also aktiv die Blickrichtung gewechselt werden. Denn der Wind kommt neu von woanders. Das gilt nicht nur für die Vertriebs- und Service-Bereiche, sondern für alle Abteilungen als Gesamtspielregel. Je konsequenter dieses Wirkprinzip über alle Funktionen umgesetzt wird, desto eher können auch die bestehenden Blockaden aufgelöst werden. Denn solange aus zwei unterschiedlichen Richtungen Kraft im Unternehmen akzeptiert wird, kann nicht das ganze Potential einer Firma gehoben werden. Im Extrem führt das sogar zum Stillstand und Selbstmord.

Das durchgängig rückwärts abgeleitete Prozess-Haus, d.h. Planung der Prozesse über Output zu Throughput zu Input, ist also der Schlüssel zum Erfolg von morgen. Wer alle seine Prozesse auf Kundenbedürfnisse – interne wie externe – ausrichtet und dann auch noch maximal automatisiert, der wird zu den Gewinnern gehören. Nur ihm bleibt die nötige Zeit für neue Projekte zusammen mit den Kunden. Wer sich weiter auf sich und seine Kompetenzen konzentriert, diese „fertig entwickelt auf den Markt bringt“ und seine Hauptzeit mit den Prozessen des Alltags verbringt, der wird zu den Verlierern gehören, egal ob er digitalisiert oder nicht.

Kultur der Arbeit im digitalen Kontext

Menschen die das „Wozu für wen“ erkennen und das „Wie machen wir es“ mit erarbeitet haben, können auch viel einfacher verstehen, was von ihnen zukünftig erwartet wird und mit welchen besser passenden Tools sie produktiv bleiben können. Letztendlich bleibt es also alles eine Frage, ob Unternehmen und alle Organisationen bereit sind, die Beziehungen zu den Kunden und den Mitarbeitern untereinander partnerschaftlich zu gestalten. Digitale Technologien ermöglichen hierbei lediglich neue Spielvarianten.

Eine wesentliche Herausforderung wird dabei sein, ob wir uns alle als Kunden auch bewusst genug öffnen können oder nur weiter allein das Smartphone an unseren persönlichen Bedürfnissen teilnehmen lassen. Nur wenn auch wir und unsere Kunden den offenen Dialog mit uns zulassen, so wie wir es mit Apple, Amazon und Google ohne Widerspruch machen, können auch lokale Firmen neben den grossen amerikanischen IT-Konzernen in der Schweiz die Kundenbedürfnisse wahrnehmen und bedienen. Die Antwort auf diese Frage könnte existentiell für viele Schweizer Unternehmen sein. Die digitalen Möglichkeiten sind für alle überall verfügbar und stehen nicht nur im Silicon Valley bereit, das offen mit den US-Geheimdiensten zusammenarbeitet. Ob wir zukünftig in einer digitalen Diktatur leben, entscheidet sich jetzt.

Thomas Czekala, Verwaltungsrat ProSeller AGThomas Czekala

Zum Autor: Thomas Czekala ist Gesellschafter, Beirat und Verwaltungsrat verschiedener Firmen. Er macht seit über 20 Jahren Business Development mit Fokus auf innovative Geschäftsmodelle. An der Universität Hamburg hat er bereits in den 90er Jahren über die Wechselwirkungen von Controlling und Organisation geforscht. Er berät Firmen des eigenen Portfolios, aber auch befreundete Unternehmer vornehmlich mit Fokus auf B2B Geschäftsmodelle.