Alle reden von der digitalen Transformation und dass man dabei sein muss. Wer hier den Anschluss verliert, wird über kurz oder lang durch „digitalisierte“ Wettbewerber verdrängt. Geschäftsführer werden von ihren Gesellschaftern aufgefordert, entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Die Chancen der Digitalisierung werden dann von der Geschäftsleitung schnellstmöglich genutzt, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben. Und die Umsetzung muss sofort erfolgen, denn nun geht es ums nackte Überleben!

Mit operativer Hektik auf dem falschen Weg

In vielen Organisationen herrscht deshalb operative Hektik. Oft wird dann gleich auf Top-Level die Stelle eines „CDOs“ installiert. Dieser von Google, UBER oder Amazon geholte jugendlich dynamische Start-Up-Style „Chief Digital Officer“ gibt dem Thema nun ein zeitgemässes Gesicht und wird die Firma dynamisch agil ins neue Zeitalter katapultieren. So die Hoffnung, auch wenn die Start-Up-Kultur so gar nicht in das 100 Jährige Old-Economy-Unternehmen mit den durchschnittlich 45+ alten Mitarbeitern passt. Andere Manager erkennen am Begriff „Digitale Transformation“ sofort den Zusammenhang zur IT, weshalb der IT-Leiter zum Projektleiter erkoren wird. Investitionsanträge für bessere IT-Systeme mit entsprechenden Projektteams und natürlich neuen Technologien sind dann die üblichen Konsequenzen.

Transformation ist keine Hexerei

Wer sich kurz zurücklehnt und durchatmet, kann das vermeintliche Schreckgespenst aber schnell entzaubern. „Transformation“ an sich ist nichts Neues, evtl. noch der Begriff, denn Veränderungen an die man sich anpassen musste gab es schon immer. OK, die schnelle Taktung, das ist sicher neu. Transformation als strukturierte Vorgehensweise für Veränderungen ist aber erprobt und kann gelernt werden.

Auch „digital“ ist per se keine wirklich plötzliche Innovation. Spätestens seit Conrad Zuse ist das Konzept bekannt und wird angewendet. Neu ist sicher, dass die „elektronische Datenverarbeitung“ jetzt das technisch ermöglicht, was man sich früher nur als Phantast erträumen konnte. Digitale Anwendungen machen sich im Alltag immer breiter. Auch neu ist, dass die Innovationen nicht mehr zwangsweise aus dem professionellen Bereich kommen und in die private Nutzung übertragen werden, sondern oft genau andersherum. Die „digital Natives“ treiben ihre Eltern und Arbeitgeber durch ihre oft scheinbar chaotische digitale Kommunikation vor sich her. Sie machen intuitiv vor, wie es zukünftig laufen wird.

Stellen Sie die richtigen Fragen

Wer also wirklich die digitale Transformation bei sich als Thema bearbeiten möchte, der muss sich zuerst mit folgenden Fragen beschäftigen: Wie wollen zukünftig die Kunden mit uns, wir mit den Kunden, wir mit den Lieferanten und die Lieferanten mit uns und letztendlich wir intern miteinander kommunizieren? Wie wollen wir aktiv an dieser wohl dauerhaften Veränderung der Interaktion zwischen den Stakeholdern teilnehmen, die oft auch nicht mehr Menschen sondern Maschinen sein werden? Erst nach der Beantwortung dieser beiden Frageblöcke lohnt sich überhaupt über neue Stellen oder Investitionen in ICT-Systeme nachzudenken.

Besser kommunizieren ist das Ziel, Digitalisierung nur der Weg

Bei der digitalen Transformation geht es damit im Kern um die Transformation der Kommunikation. Mit den heute und zukünftig noch viel mehr und besser verfügbaren Kommunikationstechnologien wird sich das Thema deshalb oft sogar auf die Transformation in Richtung „digitaler Interaktion“ beschränken lassen. Gerne wird mir dann entgegnet, der Weg sei das Ziel und die digitale Transformation sei generell der richtige Weg. Ich wünsche dann allen viel Spass auf diesem i.d.R. teuren Weg mit Beratern und Projektteams und biege ab auf die Abkürzung über die Verbesserung der digitalen Interaktion. Für mich bleibt das Ziel das Ziel. Der Weg muss so einfach wie möglich dahin führen. Jeder ist seines Glückes Schmied und kann gerne wandern gehen. Wir sehen uns dann später, vielleicht.

Thomas Czekala, Verwaltungsrat ProSeller AGThomas Czekala

Zum Autor: Thomas Czekala ist Gesellschafter, Beirat und Verwaltungsrat verschiedener Firmen. Er macht seit über 20 Jahren branchenübergreifendes Business Development mit Fokus auf bessere Steuerung von Beziehungen zwischen Stakeholdern. An der Universität Hamburg hat er bereits in den 90er Jahren über die Wechselwirkungen von Controlling und Organisation geforscht. Er berät Firmen des eigenen Portfolios aber auch befreundete Unternehmer vornehmlich mit Fokus auf B2B Geschäftsmodelle.